{"id":52,"date":"2006-10-19T18:55:11","date_gmt":"2006-10-19T17:55:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.koba.kernibikern.de\/?p=52"},"modified":"2006-10-23T18:56:46","modified_gmt":"2006-10-23T17:56:46","slug":"alles-pflaumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/?p=52","title":{"rendered":"Alles Pflaumen!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Herbst ist die Zeit des Zwetschgenkuchens. Je nach Landstrich bereitet man ihn anders zu. Wolfram Siebeck l\u00fcftet das Geheimnis des Teigs.<\/strong><\/p>\n<p>Jede Jahreszeit hat ein gewisses Etwas. In diesen Tagen ist es die dumpfe Ahnung, dass das Leben schwieriger wird. Der Herbst, dem wir soeben entgegensehen, gilt als Ausl\u00f6ser der Schwermut. Der darauf folgende Winter ist nicht einmal mehr f\u00fcr die Skifexe vielversprechend, weil alle Wissenschaftler prophezeien, dass es bald vorbei sein werde mit dem Wintersport. Die Gletscher\u2026 Jeder wei\u00df, was mit den armen Gletschern ist. Sie schmelzen wie Softeis im Sommer.<\/p>\n<p>Das Thema des Fr\u00fchlings ist der Spargel. Dar\u00fcber reden und schreiben alle, die nicht stumm sind und halbwegs schreiben k\u00f6nnen. Was bin ich froh, dass wir noch ein halbes spargelfreies Jahr vor uns haben! Sechs Monate, in denen kein Mensch die immergleichen Vorschl\u00e4ge f\u00fcr das Kochen des Spargels macht! Immer wird er mit Schinken kombiniert oder mit einer Art Eiersalat. Wo es hochkulinarisch hergeht, lobt der Food-Writer einer Sparkassenzeitung die Kombination von Spargel und frischen Morcheln, und Experten diskutieren die Frage, ob ins Spargel-Kochwasser nun Butter oder Zucker geh\u00f6re oder beides gleichzeitig.<\/p>\n<p>Das alles liegt noch in weiter Ferne. Deshalb ist der Herbst doch nicht so deprimierend.<\/p>\n<p>Wenn da nicht die Gemeinschaft der Freunde des Zwetschgenkuchens w\u00e4re. Das sind im normalen Leben \u00e4u\u00dferst sympathische Menschen. Aber in dieser Jahreszeit bef\u00e4llt sie der Wahn, alles \u00fcber den Zwetschgenkuchen erfahren zu wollen. Also wenden sie sich an mich.<\/p>\n<p>Kinder, ihr verlangt zu viel.<\/p>\n<p>Wodurch unterscheiden sich Zwetschgen von Pflaumen, lautet ihre erste, scheinbar harmlose Frage. Als wenn ich\u2019s w\u00fcsste. Ich nehme an, sie unterscheiden sich, wie Tomaten sich von Paradeisern unterscheiden. N\u00e4mlich im Sprachgebrauch. Dort, wo Zwetschgen wachsen, zum Beispiel hier um die Ecke in B\u00fchl, sind die Leute fest davon \u00fcberzeugt, dass ihre Zwetschgen besser schmecken als Pflaumen. Worauf die Obstbauern in Westfalen nur h\u00f6hnisch lachen. Sie wissen: Es geht nichts \u00fcber Detmolder Pflaumen.<\/p>\n<p>Auf den M\u00e4rkten sehe ich manchmal kleinere und gr\u00f6\u00dfere Pflaumen. Eine von beiden Sorten wird als Zwetschge verkauft. Beide sind blau und, wenn der Sommer sch\u00f6n war, auch s\u00fc\u00df. Obstz\u00fcchter werden auf besondere Kennzeichen verweisen, die ihnen verraten, um welche Sorte es sich handelt.<\/p>\n<p>Eine wichtige Zutat des Zwetschgenkuchens ist die Wespe<\/p>\n<p>Ich bin kein Obstz\u00fcchter, mir verr\u00e4t nicht einmal Frau Hoffmann, wie ich sie unterscheiden kann, die s\u00fc\u00dfen und blauen Fr\u00fcchte. Als ich die Katze vorwurfsvoll frage, wo denn ihre nat\u00fcrliche Beziehung zur Natur geblieben sei, dass sie mir nicht einmal \u00fcber Zwetschgenkuchen eine Auskunft geben k\u00f6nne, sagt sie achselzuckend: \u00bbBin ich eine Wespe?\u00ab Damit hat sie dann doch eine Zutat verraten, welche sowohl beim Zwetschgenkuchen als auch beim Pflaumenkuchen nicht fehlen darf. Die Wespe ist unvermeidlich dabei, wenn ich in einem M\u00fcnchner Biergarten ein St\u00fcck Zwetschgendatschi (so die lokale Bezeichnung an der Isar) auf dem Teller habe. In Berlin ist es nicht anders, obwohl dort von Plaumen die Rede ist und die Wespen nicht so zahlreich sind. Das liegt wohl daran, dass sie in Bayern ihren Datschi mit M\u00fcrbeteig herstellen, der unter den gezuckerten Zwetschgen total aufweicht und f\u00fcr Wespen das Sch\u00f6nste am Zwetschgendatschi zu sein scheint.<\/p>\n<p>In Schaltjahren passiert es immer wieder einmal, dass so ein Bayer im Biergarten mit einem St\u00fcck Datschi auch eine Wespe in den Mund schiebt. Die sticht nat\u00fcrlich, und das \u00fcberlebt der \u00c4rmste nicht. Es kommt n\u00e4mlich immer darauf an, wohin eine Wespe sticht. Nicht anders ist es mit den Bienen. Denen haben die Zoologen einen Kuchen gewidmet und ihn Bienenstich genannt, was ungerecht gegen\u00fcber den Wespen ist, weil Bienen viel seltener als Wespen Appetit auf Obstkuchen haben. Es fehlt nur noch, dass sie einen Kuchen Katzentorte nennen. Frau Hoffmann, das kann ich beschw\u00f6ren, macht sich \u00fcberhaupt nichts aus Kuchen und Torten, auch nichts aus Datschis und anderen S\u00fc\u00dfigkeiten, solange keine M\u00e4use die Stelle der Zwetschgen einnehmen.<\/p>\n<p>Daran \u00e4ndert auch eine doppelte Portion Schlagsahne nichts, die traditionsgem\u00e4\u00df auf den Zwetschgenkuchen alias Datschi geh\u00e4uft wird. \u00dcbrigens nicht ohne zuvor die bei allen Kindern so beliebte Mischung aus Zimt und Zucker \u00fcber die Pflaumen gestreut zu haben. Gell, da l\u00e4uft euch das Wasser im Mund zusammen, wenn ihr das lest?<\/p>\n<p>Ich suchte im Kochbuch nach M\u00fcrbeteig mit Haschisch<\/p>\n<p>Damit ihr diesen s\u00fc\u00dfen Matsch auch selber herstellen k\u00f6nnt, will ich hier das Geheimnis des M\u00fcrbeteigs verraten. Dazu habe ich im Kochbuch der Alice B. Toklas nachgesehen in der Hoffnung, einen M\u00fcrbeteig mit Haschisch zu finden. (Sie war daf\u00fcr bekannt, dass sie f\u00fcr die Freundinnen von Gertrude Stein kleine Haschischkekse buk, welche die Stimmung in der Rue de Fleurus enorm verbesserten.) Ich fand kein passendes Rezept; aber aus Gr\u00fcnden, die ich sp\u00e4ter erkl\u00e4ren werde, greife ich hier nicht auf mein eigenes zur\u00fcck: 5 EL Butter, 180 g Mehl, 1 Prise Salz und 4 EL Wasser mit den Fingern zerreiben, dass ein kr\u00fcmeliger Teig entsteht. Zu einer Kugel rollen, in Fettpapier einwickeln und mindestens 12 Stunden ruhen lassen. Ausrollen und damit eine Backform von 20 cm auslegen. Auf diesen Boden packt man die F\u00fcllung, welche in unserem Fall die halbierten und entsteinten Pflaumen sind. Mit einer Zucker-und-Zimt-Mischung bestreuen und bei 230\u00b0 15 Minuten im Ofen backen, danach bei verringerter Hitze weitere 20 Minuten.<\/p>\n<p>Wer zum Pflaumenkuchen kein Bier trinken will, backt ihn besser mit Hefeteig (sagen die Nichtbayern). Der geht so, wie ich ihn im Kochbuch Zur\u00fcck zur b\u00fcrgerlichen K\u00fcche! von Bernd Neuner-Duttenhofer gefunden habe: 450 g Mehl; 1 W\u00fcrfel Hefe; 1 gute Tasse lauwarme Milch; 150 g Zucker; 1 ordentliche Prise Salz; 150 g Butter; Vanillestange; 3 Eier; 1 Tasse Semmelbr\u00f6sel. Mehl in eine weite Sch\u00fcssel sieben und in die Mitte eine Vertiefung machen. Hefe in der Milch aufl\u00f6sen und hineingie\u00dfen. Etwas Zucker dazustreuen und mit etwas Mehl zu einem Vorteig anr\u00fchren. Gehen lassen, bis der Vorteig gro\u00dfe Blasen wirft. Nun alles mit dem restlichen Zucker, Salz, der zimmerwarmen, weichen Butter, dem herausgekratzten Mark der halben Vanillestange und den Eiern vermischen. Den Teig in einer Sch\u00fcssel kr\u00e4ftig mit einem Kochl\u00f6ffel durchschlagen, bis er leicht und locker wirkt. Nun noch einmal zugedeckt an einem warmen, zugfreien Ort gehen lassen. Dann ausrollen und ein d\u00fcnn gebuttertes Backblech damit auslegen. Mit den Semmelbr\u00f6seln bestreuen.<\/p>\n<p>So viel zur Hefeunterlage des Pflaumenkuchens. Der Autor streut noch Mandelsplitter zwischen die eng gelegten Pflaumen und backt das Ganze bei Hei\u00dfluft eine gute halbe Stunde bei 170 bis 180 Grad.<\/p>\n<p>Warum ich hier fremde Autoren zitiere? Einige Leser werden sich an den Mahlberger Schlosskuchen erinnern, den ich im Sommer so beschrieben habe, dass er fingerhoch in fl\u00fcssiger Butter stand. War ein dummes Versehen. Gen\u00fcgte aber, dass ich mit Angaben zum Kuchenbacken vorsichtig bin. So wie jemand, dem die Wespe nicht ins Maul geflogen, sondern ins Bier gefallen ist. F\u00fcr einen Weintrinker ist das kein sch\u00f6ner Tod.<\/p>\n<p>Um noch einmal auf den Unterschied zur\u00fcckzukommen: Es gibt ein Ger\u00fccht, wonach die Zwetschgen kleiner sind als Pflaumen, sp\u00e4ter reifen und eine etwas l\u00e4ngliche Form haben sollen. Pflaumen dagegen k\u00f6nnen kugelrund und sogar hellgr\u00fcn sein! Diese Information stammt \u00fcbrigens von Frau Hoffmann, die mich anmaunzte: \u00bbH\u00e4ttest du alles selber wissen k\u00f6nnen, wenn du deinen fetten Arsch mal in den Garten bewegen w\u00fcrdest.\u00ab Sie hat gut reden. Katzen werden nie von Wespen gestochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Herbst ist die Zeit des Zwetschgenkuchens. Je nach Landstrich bereitet man ihn anders zu. Wolfram Siebeck l\u00fcftet das Geheimnis des Teigs. Jede Jahreszeit hat ein gewisses Etwas. In diesen Tagen ist es die dumpfe Ahnung, dass das Leben schwieriger wird. Der Herbst, dem wir soeben entgegensehen, gilt als Ausl\u00f6ser der Schwermut. Der darauf folgende &#8230; <a title=\"Alles Pflaumen!\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/?p=52\" aria-label=\"Mehr dazu unter Alles Pflaumen!\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wprm-recipe-roundup-name":"","wprm-recipe-roundup-description":"","footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-52","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-siebeck"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=52"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/52\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=52"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=52"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koba.kernibikern.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=52"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}